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Auf den Spuren der Römer in Nettersheim

Sensationelle archäologische Entdeckungen in Nettersheim. Kölner Archäologen entwerfen ein neues Bild des "römischen Nettersheim"

Aufbau der Messgerätschaften durch die Kölner Archäologen Es war vor rund 100 Jahren, als das Matronenheiligtum "Görresburg" in Nettersheim von Archäologen des Landesmuseums Bonn ausgegraben wurde. Seither fragte man sich, wo der zugehörige vicus, also die römische Siedlung zu lokalisieren ist. Vermutet wurde sie zumeist unter der Fläche, die sich unterhalb der Tempelanlage den Hang hinab zieht zum "Steinrütsch". Dort wurden über viele Jahrzehnte hinweg immer wieder vor allem Keramikscherben, Dachziegelreste und Steinfragmente aufgefunden.
Als sich im Herbst 2008 die Möglichkeit bot, diese zweifelsohne archäologisch bedeutsame Fläche zu erwerben, wurde die Gemeinde Nettersheim schnell aktiv. Den ehemaligen Eigentümern, der Familie Feinen, ist es zu verdanken, dass der Ankauf kurzfristig und im Einvernehmen vonstatten ging. Mit einstimmigem Ratsbeschluss ging die Fläche in Gemeindebesitz über.
Parallel wurden Kontakte mit dem Archäologischen Institut der Universität zu Köln wegen möglicher archäologischer Untersuchungen aufgenommen. Prof. Dr. Thomas Fischer und Dr. Salvatore Ortisi vom dortigen Lehrstuhl für Archäologie der römischen Provinzen und Prof. Dr. Michael Heinzelmann vom Archäologischen Institut zeigten sich sofort interessiert und begannen mit der Planung.

Die Öffentlichkeit wurde im Rahmen eines Pressetermins am 24. Juni 2009 erstmals informiert. Von li. nach re. im Bild: Ferdy Geißler, Prof. Dr. Thomas Fischer, Franz-Josef Hilger, Prof. Dr. Jürgen Kunow, Dr. Salvatore Ortisi, Bürgermeister Wilfried Pracht, Petra Tutlies, Dr. Imke Ristow, Hans-Rudi Kirschbaum

Neue Methoden - Einblicke in den Boden ohne Spaten und Bagger

Geophysikalische ProspektionIn der Woche vom 18. bis 23. Mai 2009 war es dann soweit: eine Studentengruppe unternahm unter der Anleitung des Projektleiters Dr. Salvatore Ortisi die geophysikalische Untersuchung der Flächen unterhalb der Tempelanlage "Görresburg". Ohne eine einzige Bodenöffnung werden bei dieser Methode durch die ausgesendeten Signale des Messgerätes Grundrisse von Gebäuden und Spuren von Strukturen im Boden sichtbar.
Die Ergebnisse waren sehr eindrucksvoll. Quer über die Fläche "Auf der alten Gasse" verlaufend, wurde die am Heiligtum vorbeiführende Römerstraße gefunden. Sie zog sich vom Heiligtum hinab in das Urfttal und querte am Steinrütsch die Urft. Es handelt sich um einen Zweig der Römerstrasse Köln-Trier, die nach ihrem Erbauer heute "Agrippastraße" genannt wird. Zu beiden Seiten der Römerstraße zeigten sich Grundrisse aneinandergereihter Hausbauten.

So sieht der "Steinrütsch" heute noch aus

Rätselhafter Platz "Steinrütsch" gab sein Geheimnis preis

Nach diesen unerwarteten Entdeckungen hatten die Kölner Archäologen noch Mal "den richtigen Riecher": sie erweiterten ihr Untersuchungsgebiet auf die Fläche am "Steinrütsch". Und hier kamen - wie schon unterhalb der Tempelanlage - weitere Grundrisse zum Vorschein, die charakteristisch sind für einen vicus, also eine römische Siedlung: Streifenhäuser, mehrere zu beiden Seiten der Straße. Am bisher oft als "Werkplatz" betitelten "Steinrütsch" setzte sich also der römische vicus fort.
Doch damit nicht genug. In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Streifenhäusern am "Steinrütsch" wurden Grundrissse von zwei zeitlich aufeinanderfolgen burgi, also spätrömischen Befestigungen entdeckt. Sie waren von Gräben umzogen und befanden sich an strategisch wichtiger Stelle, an der Urftüberquerung der Römerstraße Köln - Trier. In spätantiker Zeit kam es immer wieder zu Überfällen der Franken auf römisches Gebiet. Die Bewohner der Siedlung mussten um ihr Hab und Gut fürchten und oft genug um ihr Leben bangen. Die burgi am "Steinrütsch" dienten der Sicherung des Straßenüberganges und als Rückzugspunkt für die verbliebene Bevölkerung.

Die römische "Kleinstadt"

Prof. Dr. Jürgen Kunow erhält einen Meilenstein im Miniaturformat von Bürgermeister Wilfried PrachtDas besondere an der archäologischen Zone Nettersheim, deren Flächen sich sämtlich im Besitz der Gemeinde Nettersheim befinden, ist die hohe Dichte an römischen Überresten: Tempelanlage, Straße, vicus, burgus auf eng umgrenztem Raum.
Bei der ersten Vorstellung der neuen Erkenntnisse am 24. Juni 2009 am "Steinrütsch" betonte Prof. Fischer, dass es sich bei einem vicus keineswegs um ein römisches Dorf, sondern vielmehr um eine Siedlung mit städtischen Strukturen handelte, in der Handwerker und Händler lebten und arbeiteten. Das gesamte Ausmaß der Nettersheimer Siedlung ist noch zu erforschen. Für die archäologische Forschung eröffnet sich hier ein Forschungsfeld, das neue Erkenntnisse zum Siedlungswesen in der römischen Provinz Niedergermanien verspricht. Bürgermeister Pracht sicherte für die weiteren Schritte seine Unterstützung zu.
Auch für die Bodendenkmalpflege ergibt sich in Nettersheim ein interessantes Arbeitsgebiet: die Bodeneingriffe sollen möglichst gering sein, die Präsentation für Besucher möglichst anschaulich. Hier gilt es, gemeinsam mit den Kölner Archäologen und der Gemeinde Nettersheim überzeugende Konzepte für die behutsame Erschließung zu entwickeln, so Prof. Jürgen Kunow, der Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland.
Einigkeit herrscht darüber, dass zumindest Teile der neuen Befunde touristisch in Wert gesetzt werden. Die Gemeinde Nettersheim betrachtet die archäologischen Denkmäler traditionell als kulturelle Schätze, die es zu erforschen, behutsam aufzubereiten und an Besucher zu vermitteln gilt.

Grabung in Nettersheim im August 2009

Aktuelle Entwicklungen

Als nächster Schritt erfolgte im Juli eine weiterführende Untersuchung mit einem Bodenradar" durch Geophysiker der Universität Köln. Im August 2009 haben die Kölner Archäologen erste Probegrabungen durchgeführt. Auch die geophysikalische Prospektion wurde Ende September 2009 fortgesetzt.
Auf der Basis der gewonnen Ergebnisse wird es weitere Forschungen geben, auch weiterführende Grabungen; die Grabungskampagne 2010 wird im August und September stattfinden. Die Gemeinde Nettersheim entwickelt parallel ein Konzept zur Präsentation der archäologischen Funde in der Art eines "Archäologischen Landschaftsparks Eifel" - die Römer werden uns in den nächsten Jahren beschäftigen.
Von großer Bedeutung ist die Lage der archäologischen Zone Nettersheim an der Agrippastraße". Diese wird im Rahmen des Projektes "Erlebnisraum Römerstraße" der Regionale 2010 archäologisch untersucht und duchgängig touristisch aufbereitet. Nettersheim ist mit seinen Denkmälern und Vorhaben fest in dem Projekt verankert und kann in den nächsten Jahren davon profitieren.


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